Vertrauensintervall

Um Ihnen das Vertrauensintervall zu illustrieren, sei ein Zusammenhang zwischen dem Berner Stadttheater, François Hollande und Nikolas Sarkozy hergestellt. Der Begriff wird in der Statistik verwendet. Dazu später. Das darin enthaltene Wort Vertrauen führt einen in Versuchung, den Ausdruck in übertragenem Sinne zu verwenden. Und schon sind wir im Theater, beziehungsweise erst in der Garderobe.

Weiterlesen

Freuden und Mühen der Arbeit

Den Blick in eine Statistik auf dem Bildschirm vertieft, nehme ich im Augenwinkel auf dem Hausdach gegenüber eine Bewegung wahr. Ein junger Mann geht entlang der Dachrinne, wischt locker hier und dort etwas Dreck heraus und diskutiert dabei noch mit seinem Kollegen, der auf dem Dachfirst schadhafte Ziegel ersetzt. Es reicht gerade noch für einen Schnappschuss, und schon sind die beiden auf der anderen Seite verschwunden. In den Sitzungsräumen, Büros und Lesesälen der Bibliothek ahnt wohl niemand etwas von den Akrobaten auf dem Dach.

Weiterlesen

Bedingungslos

Allein schon der Begriff macht stutzig. Was tut man denn schon bedingungslos? Bedingungslose Liebe, gut, im allerersten heissen Fieber der Verliebtheit versprechen das viele. Kommt dann Angst vor dem Verlust auf, ist es damit schnell vorbei. «There ain’t no such thing as a free lunch», weder in der Liebe noch im Alltag. Leihe ich meinem Freund das Motorrad aus, bedingungslos notabene, ist damit unausgesprochen die Annahme verbunden, dass er es heil zurückbringt. Wer im Spannungsfeld von Dies- und Jenseits besonders fromm und sündenfrei zu leben versucht, erhofft sich hier Anerkennung und dort ewiges Glück oder so. Dass jemand etwas bedingungslos tut oder unterlässt, ist schlicht nicht vorstellbar. Schon gar nicht in der Politik.

Weiterlesen

So ein Theater

Zwei drei Sekunden ist es ganz still und dunkel im Theatersaal. Ich bin noch auf der Bühne, durchgebrannt mit der Theatertruppe, kämpfend und singend, dass Lucia und Edgardo einander doch noch erhalten, dass der fiese Enrico die gerechte Strafe erhält. Nun beginnen die ersten Zuschauer zu klatschen, holen einen wieder in die Wirklichkeit zurück. Richtig vorbei ist die Geschichte aber erst, als die Darsteller mit spitzbübischem Lächeln über die vom Chor ins Schwingen gebrachte Schwebebühne in die Wasserpfützen springen und sich am Bühnerand aufreihen.

Weiterlesen

Zeichen und Wunder

Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Oder die bescheidenere, sachliche Variante, schliesslich wir wollen das himmlische Personal ja wirklich nur in dringenden Notfällen bemühen: So ein Zufall! Das schon, und die kurze Geschichte ist ja doch zu lustig, um einfach zur Tagesordnung überzugehen.

Weiterlesen

Kunst am Bau?

Was ein «Zwänzg-ab-achti-Gesicht» ist, konnte ich mir lange nicht ausmalen. Weshalb sollte man denn auch um diese Zeit schlechter als sonst gelaunt sein. Aber meine Schulfreunde hatten mich dann aufgeklärt. Die Uhr an der Zeughausgasse in Bern erinnert mich an diese Geschichte. Sie steht zwar seit vielen Wochen still, irritiert aber fast täglich, wenn ich auf dem Weg zum Bahnhof beim Kornhaus um die Ecke biege und prüfen will, ob ich den Zug noch erwische. Weshalb stört das in diesem Haus offenbar niemanden? Eine genaue Uhr ist für Schweizer doch fast so wichtig wie Berge, Milchschokolade und Käse, Pünktlichkeit ein Qualitätsmerkmal, von Kind auf gelernt.

Weiterlesen

Fast auf Augenhöhe

Damit es gleich klar ist: Ich musste froh sein, auf Augenhöhe fahren zu können und nicht etwa mein um eine Generation älterer Freund. Im knackigen Aufstieg von Cotignac nach Pontevès sah ich ihn nur noch kurz von hinten und dann weit vorn hinter einer Kurve verschwinden. Auf der immerhin gut sieben Kilometer langen Bergfahrt nach Tourtour kam er nicht einmal ins Schwitzen. Er fuhr fröhlich plaudernd neben mir her und freute sich über den blühenden Rosmarin und Thymian. Hinter ihm könnte man gar nicht übel im Windschatten fahren, wenn einmal der Mistral etwas hartnäckig bläst.

Weiterlesen

Sind Sie ein rationaler Optimist?

Wie schlecht schaute die Lage doch vor etwa eineinhalb Jahren aus. Fast alle Äste und das ganze Blätterwerk waren weggeschoren. Ein himmeltrauriges Bild gaben wir in der Allee der Maulbeerbäume ab. In unseren nackten, dem scharfen Mistral ausgesetzten Häuptern regierte Zukunftsangst. Werden unsere empfindlichen Stellen abfrieren, wachsen wieder Äste und Blätter nach und überhaupt, wer will uns hässliche Gesellen je wieder anschauen?

Nun schauen Sie, wie ich heute aussehe. Es war gar nicht einfach, mich wiederzufinden. Wie wird das erst in einigen Tagen sein, wenn nach dem ersten, lang ersehnten Regen die Blätter aus den Knospen spriessen. Herrlich. Die Ängste damals im Spätherbst erwiesen sich als unbegründet, ganz im Gegenteil, die Äste wachsen gesünder und zahlreicher als je zuvor.

 

Weiterlesen

YB Fan

Das muss ein YB Fan sein. Wie ein Fan der Berner Young Boys aussieht? Hmm, kann ich nicht beantworten, das spürt man einfach. Schliesslich schlägt mein Herz ja in erster Linie für den Fussball Club Zürich, erst danach kommt YB. Aber tatsächlich, als der Mann seine Sachen auf dem Tisch auslegt, steckt sein Telefon in einer Hülle mit dem YB Signet. Als er nach der Besprechung neben mir steht, dämmert es. Wir kennen uns doch, meint er. Wir frischen gemeinsame Erinnerungen auf. Dann will ich von ihm wissen, ob er wirklich ein YB Fan sei. Und wie, er lasse kein Heimspiel aus, habe ein Jahresabo im Sektor der Stehplätze, da könne er zusammen mit seinen «Giele» schimpfen und heulen wie ein Rohrspatz. Auf der Tribüne müsste er sich anständig benehmen. Weiterlesen

Estebán

Wäre Bruder Juniper ein «digital native», hätte er dann zuerst in Facebook nach Informationen zu Estebán und den vier anderen Personen gesucht, die am Freitag, den 20. Juli 1714 zu Tode stürzten, als die schönste Hängebrücke in ganz Peru riss? Die Rahmengeschichte eines Romans soll einen ja nicht nur ermöglichen, in eine oder viele andere Geschichten ab- und als anderer Mensch wieder aufzutauchen. Sie gestattet zu Beginn der Lektüre auch noch einige oberflächliche, um nicht zu sagen leichtsinnige Gedanken. Einmal in die Hauptgeschichte hineingezogen, lässt der Ernst der Sache ja keine Abschweifungen mehr zu.

Also nehmen wir einmal an, die Lektüre von Thornton Wilders «Die Brücke von San Luis Rey» liegt schon einige Zeit zurück, vielleicht so lange, dass man sich nur noch vage daran erinnert. Man findet das Büchlein im Gestell, und es kommt einem sogar in den Sinn, wie das Werk in die Sammlung gekommen ist. Brachte es damals nicht dieser junge Aushilfslehrer mit, oder nein, es war in der Liste der «100 Best Novels of the 20th Century». Egal. Das Papier ist sichtbar gealtert, gelblich und riecht nicht mehr frisch. Aber schon noch den ersten Zeilen ist zu spüren, weshalb der Roman mit Sicherheit in die engere Wahl der zehn Bücher für die Insel käme.

Weiterlesen

Facebook